»Die Arbeitswelt von morgen trifft auf Mitarbeiter, die in Schulen von vorgestern gelernt haben.«

Über unser Bildungs- und Ausbildungssystem habe ich hier schon öfters geschrieben, da mich die Frage beschäftigt, ob und wie man dort mit den Veränderungen in der Lebens- und Arbeitswelt schritt halten will. Ich finde es darum auch sehr interessant, dass die taz-Bildung jetzt in loser Folge »das Lernen 2.0 beleuchten« will. Den Anfang macht Autor Ulrich Klotz, der sich bei der IG Metall mit dem Thema Computer und Zukunft der Arbeit beschäftigt und mit seinem Beitrag »Unternehmen 2.0 + Arbeit 2.0« gleich ein paar bemerkenswerte Passagen liefert, indem er die Open Source-Community als Beispiel einer modernen Arbeitsform beschreibt (das Open Source-Modell halte ich übrigens auch für sehr erfolgversprechend):

Computer und Internet senken Transaktionskosten dramatisch. Die Bedingungen verschieben sich dadurch zugunsten von Marktlösungen.

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Durch das "Web2.0" kommt nun eine neue Dynamik in diese Entwicklung. Mit Hilfe von "social Software" kann jeder User sein Wissen mit anderen teilen. Mitmach-Plattformen wie "MySpace" (250 Millionen Mitglieder) "Facebook", "YouTube", "StudiVZ" oder "Flickr" ziehen mitunter binnen weniger Tage mehr neue Mitglieder an als viele Parteien oder Gewerkschaften überhaupt haben. Die zuvor nur passiv genutzten Formen des World-Wide-Web waren lediglich Umformungen altbekannter Massenmedien wie Buch und Rundfunk plus Briefverkehr und Telefon via Computer.

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Über das Unternehmen der Zukunft hingegen lässt sich schon einiges mehr vermuten. Denn es gibt einen Bereich, in dem Computernutzer schon seit 40 Jahren im Web2.0-Stil aktiv kooperieren: die Software-Entwicklung. Auch ein großer Teil des heutigen Internet entstand in unbezahlter Kooperation weltweit verteilter freiwilliger Programmierer, 1997 wurde dafür der Begriff "Open-Source" geprägt.

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Auf freiwilligem Engagement basierende Kooperationen können heute Produkte auf Weltklasse-Niveau herstellen. Das zeigen die Erfolge von Linux, Apache, Firefox oder Wikipedia. Bei Open-Source geht es aber vor allem um ein soziales Phänomen. Hier wird bewiesen: wenn die Transaktionskosten niedrig genug sind, geht es auch ohne Firma - und oft sogar viel besser. Die interessante Frage ist: Warum tun Menschen so etwas? Was bringt sie dazu, ungezählte Tage und Nächte höchst anspruchsvoller, aber unbezahlter Arbeit in solche Projekte einzubringen?

Zunächst eine kurze Antwort: Weil in Open-Source-Gemeinschaften Wertschöpfung auf Wertschätzung basiert. Es entsteht eine Kultur, die in vielerlei Hinsicht das Gegenteil des von Frederick W. Taylor geprägten Industrialismus darstellt. Der "Taylorismus" machte den menschlichen Körper zum Anhängsel der Maschine und entmündigte erwachsene Bürger durch Anweisungen und Beaufsichtigung. Dadurch steigerte er die mechanische Effizienz - und vernichtete Motivation und Kreativität. Heute hingegen sind Menschen, die wie Maschinen arbeiten, immer weniger gefragt. Mittlerweile sind die meisten Menschen Wissensarbeiter, weil die Wissensexplosion nur durch zunehmende Spezialisierung zu bewältigen ist. "Ein Wissensarbeiter ist jemand, der mehr über seine Tätigkeit weiß als jeder andere in der Organisation", definierte der große Management-Vordenker Peter F. Drucker schon in den 50er Jahren. Solche Wissensarbeiter finden wir heute überall: Der Arbeiter, der Fertigungsprobleme selbständig analysiert und löst. Der Lagerverwalter, der die Leistungsfähigkeit von Lieferanten bewertet und so weiter.

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Spätestens jetzt wird verständlich, wieso Menschen im Netz vieles mit Begeisterung tun, aber "auf Arbeit" mitunter ganz ähnliche Aufgaben nur mürrisch anpacken. Bürokratische Hierarchien, die auf Angst und Einschüchterung basieren, rufen heute bei den "Net-Kids" nur noch Kopfschütteln hervor. Ob sich jemand "YX-Leiter" nennt oder ein größeres Büro hat, interessiert im Internet niemanden. Dort zählt nur die Qualität der Ideen und die tatsächliche Leistung – und das ist auch gut so.

Das Unternehmen 2.0 wird kommen. Wie solche Arbeitsformen außerhalb der Open Source-Community aussehen können, beschreibt Frank Röber, Vorstand der Synaxon AG: Enterprise 2.0 ein Zwischenstand von der SYNAXON AG.

Kommentare

Ein interessanter Ansatz, den Klotz da verfolgt, wie ich finde. Aber ich denke, ganz ohne Hierarchien kommt man nicht aus, man braucht ja schließlich einen Ansprechpartner, dem die Ideen vorgetragen werden können usw. Aber insgesamt halte ich das Ganze schon für eine sinnige Idee, die man durchaus weiter verfolgen muss, denn die Arbeit im Web, egal ob auf unbezahlter oder bezahlter Basis wird sich m. E. wirklich durchsetzen können, schwierig wird es dann für die, die sich an das stupide Abarbeiten gewöhnt haben.

Ich bin mit dem System nicht ganz zufrieden. Ich habe auch vor langer Zeit einmal Steuerfachangestellte gelernt. Dieser Beruf bedarf immer wieder an viel Nachlernzeit. Wenn ich das mal so nennen darf. Es ist echt nicht einfach, da mitzuhalten. Aber man versucht es halt doch.

Ich kann hier nur beipflichten. Zuhause, ist man eben in den eigenen vier Wänden und macht gern etwas im Netz. Am Arbeitsplatz ist das dann schon ganz anders.

Ich denke aber auch, dass Unternehmen 2.0 kommen wird. OB dies dann positiv oder negativ ausgehen wird, wird sich wohl erst noch zeigen.

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