Social Web

Zeitungsphilister und Leute mit Laptops


Letzte Woche war die re:publica, eine der größten Konferenzen überhaupt in Deutschland. In den großen Medien wurde darüber verhalten berichtet, und wie in der Vergangenheit auch, haben sich einige Redakteure an der Bloggerwelt abgearbeitet. Für Thomas Knüwer ist der Grund ganz klar: Neid.

Für den Leser quälend trieft durch ihre Zeilen der Neid, dass da Leute das gleiche Handwerk betrieben wie sie: schreiben. Und das tun sie einfach so, als Hobby. Sie schreiben nicht über das, was ihnen Ressortleiter, Chefredakteure oder die Tagesaktualität diktieren – sie schreiben über das, was sie interessiert. Dabei sagen sie auch noch deutlich ihre Meinung. Und dafür ernten sie dann auch noch Leserkommentare, Resonanz und dürfen auf einem Kongress stehen und Bier trinken.

In dem zitierten Blogbeitrag findet sich aber noch eine ganz andere Perle. Nämlich der Verweis auf die Zeit nach den bürgerlich-liberalen Revolutionen um 1848 und eine starke Parallele in der Wahrnehmung damaliger »Zeitungsphilister« und heutiger »Online-User«:

Eine (…) besonders interessante Spezies ist der liberale Zeitungsphilister. Bevor derselbe Morgens seine Zeitung gelesen hat, ist er nur ein halber Mensch; über dem Lesen aber geht ihm ein Licht nach dem andern auf, so daß er abends beim Schoppen über alle Tagesfragen mit zu Gericht sitzen kann und nicht begreift, wie es möglich ist, anderer Meinung zu sein.

Dieser großartige Vergleich wurde im Blog »Der Umblätterer« herausgearbeitet: Der Zeitungsphilister von gestern als digitaler Bohèmien von heute.

Überraschung: Ning ist nicht mehr kostenlos


Ning ist eine Online-Plattform, auf der mein seinen eigenen Social-Network-Dienst, etwa ein eigenes Mini-Facebook, aufbauen kann. Bisher war es kostenlos, doch das ist Geschichte. Gerade im Educationen-Bereich war Ning sehr populär und dementsprechend groß die Aufregung. Die Suche nach Alternativen hat begonnen, und zum Teil haben einige Communities mit dem Umzug schon begonnen. Es wird interessant sein zu beobachten, wie ein solcher Umzug eines Social Networks tatsächlich funktioniert. Welche Daten können mitgenommen werden, können soziale Beziehungen ex- und importiert werden, verändert sich eine Community durch solch einen Umzug?

TechCrunch zitiert übrigens das Blogpost des Ning-CEOS Jason Rosenthal, mit dem auch die Entlassung von 40% der Belegschaft mitgeteilt werden:

Team,

When I became CEO 30 days ago, I told you I would take a hard look at our business. This process has brought real clarity to what’s working, what’s not, and what we need to do now to make Ning a big success.

My main conclusion is that we need to double down on our premium services business. Our Premium Ning Networks like Friends or Enemies, Linkin Park, Shred or Die, Pickens Plan, and tens of thousands of others both drive 75% of our monthly US traffic, and those Network Creators need and will pay for many more services and features from us.

So, we are going to change our strategy to devote 100% of our resources to building the winning product to capture this big opportunity. We will phase out our free service. Existing free networks will have the opportunity to either convert to paying for premium services, or transition off of Ning. We will judge ourselves by our ability to enable and power Premium Ning Networks at huge scale. And all of our product development capability will be devoted to making paying Network Creators extremely happy.

As a consequence of this change, I have also made the very tough decision to reduce the size of our team from 167 people to 98 people. As hard as this is to do, I am confident that this is the right decision for our company, our business, and our customers. Marc and I will work diligently with everyone affected by this to help them find great opportunities at other companies.

I’ve never seen a more talented and devoted team, and it has been my privilege to get to know and work with each and every one of you over the last 18 months.

We’ll use today to say goodbye to our friends and teammates who will be leaving the company. Tomorrow, I will take you through, in detail, our plans for the next three months and our new focus.

Thanks,
Jason Rosenthal

Zum Ende dann noch meine Mantra: Wichtige Infrastruktur gibt man nicht aus der Hand.

So etwas wie Ning kann man auch wunderbar selbst mit Hilfe von Drupal bauen.

Meinungen zum »Fall Ning«:

Tony Karrer: Social Learning Tools Should Not be Separate from Enterprise 2.0


Im Web 2.0, dem Social Web, steckt eine Menge Potenzial. Auch für Bildung und Weiterbildung. Nur, wie bindet man das Social Web in die eigene Weiterbildungsstrategie mit ein? Tony Karrer weist darauf hin, dass dieses einbinden wollen genau der falsche Ansatz ist. Anstatt eine Lernplattform anzubieten, auf der das Lernen statt finden soll, wäre es doch viel effektiver, das Lernen im Social Web direkt zu unterstützen. Also Lernen im Firmen-Wiki, Lernen im Sharepoint.

Weiterlesen in Tony Karrers Blog eLearning Technology: Social Learning Tools Should Not be Separate from Enterprise 2.0.

Technology Review zu Enterprise 2.0


Es gibt in Technology Review einen Artikel zum Thema Web 2.0 in Unternehmen: Soziale Betriebswirtschaft von Christian Buck. Der Autor hat dazu mit einigen Experten gesprochen und stellt Beispiele aus der Praxis vor.

Willms Buhse, der sich als Enterprise 2.0-Berater selbständig gemacht hat, wird zum Thema Blogs in Unternehmen zitiert, wie auch Michael Koch von der Universität der Bundeswehr in München. In dem Artikel heißt es, dass neben Blogs vor allem Wikis in Unternehmen weit verbreitet sind – eine missverständliche Formulierung. Meiner Erfahrung nach sind in Unternehmen Blogs bei weitem nicht so verbreitet wie Wikis. Blogs sind wichtig, aber um ein Blog zu betreiben, muss man Lust zum Schreiben und zur Selbstoffenbarung haben, während man Wikis für die Dokumentation unternehmenstypische Vorgänge nutzt und so weniger selbstoffenbarend agieren muss.

Als Wiki-Beispiel werden Alcate-Lucent und die Deutsche Presse-Agentur genannt. Über die Erfahrungen bei der dpa berichtet Meinolf Ellers:

Wir mussten in kurzer Zeit eine Innovationsstrategie und ein gemeinsames Verständnis für das Projekt entwickeln. Das ist uns mithilfe eines Wikis sehr gut gelungen: Durch das kollektive Erstellen der Inhalte konnte das Team schnell Meilensteine und Schwerpunkte der künftigen Arbeit definieren.

Im letzten Drittel des Artikels werden dann die Probleme bei der Einführung von Social Web-Prinzipien in Unternehmen besprochen. Willms Buhse spricht eine Erfahrung an, die man auch schon bei der Einführung von klassischem E-Learning seit Ende der 90-er Jahre gemacht hat:

Als ein Nadelöhr bei der Einführung von Enterprise 2.0 erweist sich allerdings oft das mittlere Management, das einerseits von den Mitarbeitern und andererseits vom Top-Management unter Druck gesetzt wird.
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