Ethik, Presse und Internet

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Zu Winnenden kann und möchte ich nichts schreiben. Ich glaube jeder verspürt in sich diese Hilflosigkeit, weil man sich nicht vorstellen kann, was einen Menschen – was einen selbst – zu einer solchen Handlung bringen könnte. Mit dieser Hilflosigkeit und vielleicht auch Angst vor dem eigenen Ich erkläre ich mir die Art und Weise, wie in den klassischen Medien mit dieser Tragödie umgegangen worden ist. Eigentlich konnte man schon mit den ersten Berichterstattungen spüren, dass man eine Erklärung, einen einfachen Grund für eine solche Handlung eines jungen Menschen finden musste und dass man dies Grund im Internet gefunden zu haben glaubt.

Was aber etablierte Medien wie Süddeutsche Zeitung oder öffentlich-rechtliche Sender dazu treibt, den vollen Namen des Jungen zu nennen, die Adresse seines Elternhauses zu veröffentlichen und Bilder vom Haus und Interviews mit 10-jährigen Kindern zu senden, das ist mir nicht so ganz klar. Ist das einfach nur Senstationslust? Hanno Zulla hat seinen Frust darüber gebloggt: Guten Abend, meine Damen und Herren, Sie sehen die Abendnachrichten.:

Hier Bilder früherer Amokläufer, die sich ebenfalls in martialischen Selbstportraits in Szene gesetzt haben. Man könnte ja fast glauben, Amokläufer spekulieren darauf, dass diese Bilder groß in der Presse veröffentlicht werden, aber darüber wollen wir hier nicht weiter nachdenken. Stattdessen ein Bericht über ein “Twitter”, wo Menschen, die überwiegend nicht einmal Journalisten sind, substanzlose Gerüchte austauschen und es sogar wagen, unsere Berichterstattung zu kritisieren. Dieser Pöbel im “Internet” - die haben ja keine Ahnung, was Qualitätsjournalismus ist.

Und zum Abschluss schalten wir noch einmal um zu unserem Kollegen vor Ort: “Der Trauergottesdienst war sehr ergreifend. Für die Menschen hier wird nach dem heutigen Tag nichts mehr so sein, wie es vorher war. Wir fahren jetzt zum Elternhaus des Täters, das wir zusammen mit den TV-Teams der anderen Sender die nächsten Tage belagern wollen. Und damit zurück ins Funkhaus.” Danke für diese Eindrücke.

Blogger und Medienjournalist Stefan Niggemeier schreibt zum ARD-"Brennpunkt":

Ich hab’s versucht, aber diese Mischung aus Ahnungslosigkeit und bewusster Desinformation, dieses Konzentrat von Vorurteilen und Scheinheiligkeit, dieser Versuch der ARD-Journalisten, sich ihre ganz eigene virtuelle Wirklichkeit der Bluttat zu bauen, den man natürlich im Kontext mit vielen anderen Sendungen mit der gleichen Stoßrichtung sehen muss — sie macht mich gleichzeitig zu wütend und ratlos.

Weiterlesen:

Nachtrag: Auf KoopTech hat c't-Redakteur Axel Kossel seine Sicht der Dinge veröffentlicht: Über die Angst des Journalisten vor dem Journalisten.

Update 2: Hanno Zulla hatte auf Grund der großen Resonanz die Kommentarfunktion zu seinem Blog deaktiviert. Nun hat er auch die Hintergründe erläutert.

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