Politik

Neue OECD-Studie: »Ungebildetes Deutschland«


Die neue OECD-Studie Bildung auf einen Blick 2009: OECD-Indikatoren ist erschienen, allerdings findet man im Internet nur eine Zusammenfassung auf acht Seiten. In den Medien werden die Ergebnisse für Deutschland als nicht mehr als arlamierend sondern nur noch erschrecktend dargestellt. Naja, immerhin haben wir jetzt superdupa Exzellenzcluster, das hört sich schonmal gut an.

In der taz:

Gerade bei den Studienanfängern sind die Zahlen alarmierend: Zum dritten Mal in Folge ist im Jahr 2007 die Quote gesunken - 34 Prozent eines Jahrgangs gehen noch an eine Universität. Nur die Türkei, Belgien und Mexiko schneiden unter den OECD-Ländern noch schlechter ab, der Durchschnitt liegt bei 56 Prozent. Kaum tröstlich, dass im Jahr 2008 die Zahlen wieder leicht angestiegen sind.

Die Süddeusche:

Zwar beteuern die Spitzenpolitiker im Wahlkampf in jedem zweiten Satz, sie wollten mehr für die Bildung tun. Doch dann belassen sie es im Ungefähren.
Frankfurter Rundschau:
Acht Jahre nach dem ersten großen Pisa-Schock gilt weiter: Deutschland geizt bei den Bildungsausgaben, produziert zu wenige Akademiker und bleibt im internationalen Vergleich immer weiter zurück.

Bei FAZ und Spiegel klingt es interessanter Weise wesentlich entspannter.

Michael Kerres macht übrigens noch darauf aufmerksam, dass diese Studie ausschließlich als Buch für 69,- € zu erhalten ist. Online ist dagegen nur die Kurzzusammenfassung erhältlich, auf deren Basis sich keine echte Diskussion führen lässt.

Nachtrag: Die komplette Studie ist doch als PDF-Datei zum Download erhältlich, allerdings nur in englischer Sprache.

»Jura ist nicht dazu da, antiquierte Geschäftsmodelle zu schützen«


»Jura ist nicht dazu da, antiquierte Geschäftsmodelle zu schützen.« Ein griffiges und häufig wiedergegebenes Zitat des Rechtswissenschaftlers Thomas Hoeren. Er lässt in dem Interview mit der Zeit auch seine Meinung über die (Medien-) Richter in Hamburg und Berlin durchblicken schließt mit einem Statement zur Reformwilligkeit der Akteure im Urheberrechtsbereich:

Zurzeit läuft nichts. Börsenverein und Musikindustrie schalten nach außen hin auf stur und wollen keinen echten Dialog. Freund ist Freund, Feind ist Feind. Es wird schwarzweiß gemalt und nur sortiert, wer zu welchem Lager gehört. Da die Brücken zu einem offenen wissenschaftlichen Diskurs abgebrochen wurden, reagiert die Politik symbolisch: mit leeren Gesten, wie etwa dem unsäglichen, technisch und juristisch unsinnigen Sperrungsgerede.

Mit dieser Einschätzung dürfte er wohl leider weiterhin recht behalten.

[via netzpolitik.org]

12. September: Freiheit statt Angst


Es wird Zeit, auf die Demo für (digitale) Bürgerrechte am kommenden Samstag in Berlin hinzuweisen: Freiheit statt Angst.

[via netzpolitik.org]

Wir brauche 2.000 zusätzliche »Cybercops«?


Anwalt Udo Vetter hat sich seine eigenen Gedanken gemacht. Sehr lesenswert auch der Schluss:

Was ist außerdem mit den anderen Tatorten, denen außerhalb des Internets? Bei Gelegenheit erzähle ich mal die Geschichte des Mandanten, der vorletzte Woche vor seiner Haustür zusammengeschlagen worden ist. Nach vier Minuten war der Rettungswagen da. Die Polizei brauchte 27 Minuten. Als vor einiger Zeit bei einem Mandanten eingebrochen wurde, wartete er nach eigenen Angaben sechs Stunden auf die Spurensicherung.

Aus anderen Städten weiß ich, dass die Bewohner schon seit Monaten, wenn nicht seit Jahren keinen Streifenwagen mehr zu Gesicht bekommen haben – und sie leben nicht in einem Villenviertel. Von einem Bezirksbeamten, der zu Fuß geht und einfach mal präsent ist, wollen diese Leute gar nicht träumen.

Aber wir brauchen 2.000 Internetpolizisten. Wie gesagt, Ostberlin, Teheran und Peking lassen grüßen.

Letztens habe ich mich beim Grillen mit einem Lübecker Polizisten unterhalten. Das war so einer, wie man sich einen Polizisten wünscht: er möchte gutes tun, willl für die Menschen da sein, nicht gängeln. Von Schäubles Terrorpanik hatte er nicht viel gehalten. Er meinte aber, er ist gerne Polizist. Es sei nur sehr frustierend zu sehen, wie man beispielsweise allein in seiner Dienststelle das Personal in den letzten Jahren um mehr als 30% reduziert hat. Bei eher mehr Aufgaben als vorher.

Enterprise 2.0 und zwischenmenschliche Nähe


Ich sitze gerade an eine Präsentation zum Thema Enterprise 2.0. Dabei gehe ich auch ein wenig auf die Bedeutung von zwischenmenschlicher Kommunikation und dem Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Näher und Vertrautheit ein. So richtig schön verständlich wird das dank eines Zitats von Torsten Albig, dem neuen Oberbürgermeister von Kiel, der als twitternder OB-Kandidat für Aufmerksamkeit gesorgt hatte. Gesagt hatte er das als Key Note-Sprecher bei einem netten Symposium der FH Kiel.

Als einen der Gründe für seinen Sieg nannte er die Benutzung von Twitter, weil es nur so möglich war, sein Wahlkampfteam von 30 Personen laufend anzusprechen und so ein Gefühl von Nähe und Vertrautheit herzustellen. Und das ist für Engagement und Leidenschaft notwendig gewesen.

Ich hatte einfach des bessere, das motiviertere und engagiertere Team!

Wall Street Journal: The Green Dam Phenomenon


Das linken Umtrieben völlig unverdächtige Wall Street Journal:

The Chinese government may be backing down from its plan to install new "filtering" software, Green Dam, on all Chinese computers. But it would be naïve to think that scrapping the Green Dam mandate means the end of headaches for computer- and device-makers world-wide. More and more governments -- including democracies like Britain, Australia and Germany -- are trying to control public behavior online, especially by exerting pressure on Internet service providers. Green Dam has only exposed the next frontier in these efforts: the personal computer.

[…]

In Germany, Internet users and civil liberties groups are fighting proposed legislation mandating a national censorship system.

Weiterlesen im Wall Street Journal: The Green Dam Phenomenon. Governments everywhere are treading on Web freedoms.

TED-Talk: How cellphones, Twitter, Facebook can make history


Da ich gerade über Twitter berichtet habe und die #zensursula-Debatte ihrem Höhepunkt entgegentobt passt jetzt auch ein schöner TED-Talk von Clay Shirky: »How cellphones, Twitter, Facebook can make history«.

Shirky spricht über die Veränderungen des Sender-Empfänger-Modells und den Folgen: weg von dem einen Sender, der Millionen Empfänger »beglückt« hin zu der heutigen Situation, in der jeder Empfänger auch gleichzeitig Sender ist. Ein Umstand, mit dem beispielsweise Autoritäten in China (aber auch in Deutschland) noch so ihre Probleme haben.

[via Daniel Erk, der sich auch zu Recht die Frage stellt, welche Schicht denn da überhaupt die neuen Medien nutzt bzw. nutzen kann]

Dietmar Harhoff zum Urheberrecht: »Eigentlich bräuchten wir viele Experimente, um neue Geschäftsmodelle auszuloten.«


Telepolis hat heute ein Interview mit Prof. Dieter Harhoff veröffentlicht: "Es hilft nicht, an den alten Geschäftsmodellen festzuhalten." Harhoff ist Professor am Institut für Innovationsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Vorsitzender der Expertenkommission Forschung und Innovation.

Harhoff hat aus seiner wissenschaftlichen Perspektive eine deutlich kritische Haltung zu den Begehren aus Medienindustrie und Teilen der Politik, das Urheberrecht weiter zu verschärfen. Ich habe beim Lesen des Interviews ein klein wenig den Eindruck gewonnen, dass seine Expertenkommission die Erfahrung gemacht hat, dass in der Politik nicht unbedingt auf die Ratschläge der Fachleute gehört wird.

Zu den Folgen eines überzogenen Urheberrechts:

Und ein überzogenes Urheberrecht kann Innovationen behindern, zum Beispiel wenn der Preis oder die Transaktionskosten zu hoch sind, um ein Werk in Folgeinnovationen nutzen zu können. Wenn ich Zugang zu einer wissenschaftlichen Zeitschrift benötige, um selbst Forschung betreiben zu können, diese aber von meiner Organisation nicht abonniert wird, wird meine Forschungsaktivität sehr teuer oder gar unmöglich gemacht.

Veränderungen ziehen neue Geschäftsmodelle nach sich, andere werden nicht mehr benötigt:

Intermediäre erfüllen verschiedene Funktionen, und diese sind vom technischen Wandel unterschiedlich stark betroffen. In einigen Fällen wird mittelfristig die Rolle von Intermediären ganz in Frage gestellt. Dissertationsschriften lassen sich heute besser elektronisch publizieren. Hier werden oft nur sehr bescheidene Vermarktungsaktivitäten von den Verlagen geleistet. Ähnliche Effekte gibt es in der Unterhaltungsbranche. Die Filter- und Sortierfunktion des Labels in der Musikbranche lässt sich teilweise durch webbasierte Prozesse ersetzen, aber es mag auch Hybridlösungen geben.

[…]

Die Politik hat auf die neuen technischen Herausforderungen reagiert, indem sie den Schutz verstärkt hat. Aber Schutzrechte können wirtschaftlichen Wandel auch verzögern oder behindern, also Struktur erhaltend wirken.

Und am Schluss sein Appel:

In dieser Situation hilft es nicht, an alten Geschäftsmodellen festzuhalten und den rechtlichen Rahmen auf die etablierten Modelle auszurichten. Genau das passiert aber. Eigentlich bräuchten wir viele Experimente, um neue Geschäftsmodelle auszuloten.

[via netzpolitik.org]

Schamlose Wahlwerbung


Piratenpartei

Zur Europawahl eine schamlose Wahlwerbung für die Piratenpartei. Die Piratenpartei ist klein, noch nicht großartig in irgendwelchen Strukturen eingebunden – und es ist die Partei der Netizens. Man ist noch herrlich unbedarft und voller Ideale. Und, sie haben für Bildung und Weiterbildung wichtige Punkte in Ihrem Grundsatzprogramm:

  • Urheberrecht und nicht-kommerzielle Vervielfältigung:
    Der uralte Traum, alles Wissen und alle Kultur der Menschheit zusammenzutragen, zu speichern und heute und in der Zukunft verfügbar zu machen, ist durch die rasante technische Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte in greifbare Nähe gerückt. Wie jede bahnbrechende Neuerung erfasst diese vielfältige Lebensbereiche und führt zu tief greifenden Veränderungen. Es ist unser Ziel, die Chancen dieser Situation zu nutzen und vor möglichen Gefahren zu warnen. Die derzeitigen gesetzlichen Rahmenbedingungen im Bereich des Urheberrechts beschränken jedoch das Potential der aktuellen Entwicklung, da sie auf einem veralteten Verständnis von so genanntem "geistigem Eigentum" basieren, welches der angestrebten Wissens- oder Informationsgesellschaft entgegen steht.
  • Open Access:
    Wir unterstützen die Berliner Erklärung der Open-Access-Bewegung und fordern die Zugänglichmachung des wissenschaftlichen und kulturellen Erbes der Menschheit über das Internet nach dem Prinzip des Open Access. Wir sehen es als Aufgabe des Staates an, dieses Prinzip an den von ihm finanzierten und geförderten Einrichtungen durchzusetzen.
  • Infrastrukturmonopole:
  • Kommunikation ist die elementare Grundlage der menschlichen Gesellschaft. Die europäische Geschichte ist seit der Aufklärung eng mit dem Kampf um die Freiheit der Kommunikation verknüpft. Mangelnde Kommunikationsmöglichkeiten begünstigen totalitäre Systeme, wohin gegen vielfältige Kommunikationsmöglichkeiten die Wirtschaft, den Wohlstand, die Bildung und die Freiheitlichkeit beflügeln. Freie Kommunikation ist die Grundlage jeder funktionierenden Demokratie, sie ist ein Grundrecht. Der freie Informationsfluss ist für eine freiheitliche Informationsgesellschaft von essentieller Bedeutung. Die weltweite Vernetzung kann nicht nur als ein Nebenprodukt der Globalisierung betrachtet werden. Die modernen Kommunikationsnetze halten durch den technischen Fortschritt in jedem Bereich der menschlichen Gesellschaft Einzug. Die Verständigung des neuen Jahrtausends ist geprägt von Telekommunikation, die unser Leben fast gänzlich durchdrungen hat. Als Werkzeug kann sie das Potential der Gesellschaft vervielfachen. Soziale Netze können mir ihrer Hilfe sowohl weitreichender als auch engmaschiger gestaltet werden. Die Weiterentwicklung der Technik reduziert die Kommunikationskosten unentwegt.
  • Patentwesen:
    Im Wandel vom Industriezeitalter zum Informationszeitalter entwickeln sich die weltweit herrschenden Patentregelungen teilweise vom Innovationsanreiz zum Innovationshemmnis. Der Versuch, mit althergebrachten Mitteln die Zukunft zu gestalten, wird den grundlegenden Veränderungen in der Welt nicht nur immer weniger gerecht, er stellt auch beispielsweise in den Bereichen der Patentierung von Erkenntnissen der Genforschung und Biotechnologie und im Bereich der Softwarepatente eine große Gefahr für die Gesellschaft von morgen dar. Grundsätzlich wollen wir einen freieren Markt ohne die hinderlichen Beschränkungen der derzeitigen Patentpraxis erreichen. Wir fordern, dass das Patentsystem reformiert oder durch sinnvollere Regelungen ersetzt wird. Keinesfalls darf es durch innovationsfeindliche Regelungen ergänzt werden.

Und hier geht es zum EU-Wahlprogramm der Piraten (natürlich im Wiki).

»Control freaks don't get it: the web works best in a free-for-all«


Marcel Weiss hat in seinem Blogbeitrag Gedankenexperimente: Offenheit vs. Kontrolle auf einen Artikel von John Naughton im Guardian aufmerksam gemacht. Unter der Überschrift Control freaks don't get it: the web works best in a free-for-all führt er mit zwei wunderbaren Gedankenspielen von James Boyle die Regulierungswünsche für das Internet ad absurdum (und nebenbei auch ein wenig die Fördermittelpolitik). Die Gedankenspiele stammen aus James Boyles Vorlesungen, einem Jura-Professor und einer der Mitgründer von Creative Commons und Science Commons:

1. Stell dir vor, du bist in den frühen Neunzigern. Das Potential elektronischer Netzwerke wird mittlerweile einigen klar. Jetzt hat man zwei Möglichkeiten zur flächendeckenden Implementierung: Die erste Variante ist eine Version des französischen Minitel-Systems: von der Regierung kontrollierte Terminals in jeder Wohnung, auf welchen Informationen und Services von ausgesuchten Anbietern erscheinen (Nachrichten von ARD und SPON, Shopping über Quelle und OTTO, etc.). Die andere Variante ist ein Publikationssystem, in dem jeder ohne vorherige Kontrolle alles veröffentlichen kann. Die Frage: Für welche Variante hättest du dich entschieden?

2. Die Aufgabe lautet, die erste globale Enzyklopädie der Welt zu erschaffen. Der erste Vorschlag ist, eine große Unternehmung zu erschaffen, welche als erstes einen Herausgeberrat aus den größten Denkern der Welt bestimmt. Anschließend werden erfahrene Redakteure eingestellt, welche um Artikel von respektierten Autoritäten in deren jeweiligen Themengebieten bitten. Die eingereichten Artikel werden rigoros auf Fakten und Vollständigkeit geprüft, bevor sie veröffentlicht werden. Die Publikation wird alle fünf Jahre aktualisiert. Die Alternative kommt von einem Typ, der vorschlägt: “Wir sollten eine Website online stellen und jeden einladen, dafür zu schreiben.” Wieder die Frage: Für welche Variante hättest du dich entschieden?

(Übersetzung von Marcel Weiss)

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