Politik

Social Web verhindert keine taktische Kommunikation


Was soll man davon halten, wenn die Politik in Gestalt der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft ein wenig auf Social Web macht? Markus hat sich auf netzpolitik.org dazu seine Gedanken gemacht. Anlass war eine Etherpad-Sitzung der Arbeitsgruppe zur Netzneutralität. Netzneutralität, wir erinnern uns, ist ein heißes Eisen.

Und so verwundert es nicht, dass trotz der Verwendung von Social Web-Werkzeugen taktische Kommunikation zum Zuge kommt. Im Blog Digitale Linke ist dazu zu lesen:

Dazu wurde vom Vorsitzenden der Projektgruppe, Peter Tauber (CDU), unmittelbar zu Beginn der Sitzung ein Gliederungsvorschlag ins Pad gestellt, der anschließend von allen Sitzungsteilnehmern gleichzeitig und ziemlich konfus bearbeitet wurde.

Der Vorschlag selbst war den Mitgliedern und Sachverständigen vorher nicht mitgeteilt worden, enthielt eine deutlich IT-Verbands-freundliche Prägung und gab viele Themen, die zuvor mühsam in einer von allen Fraktionen erstellten Themenliste gesammelt worden waren, nicht vollumfänglich wieder. Kurz: Die Gliederung enthielt eine Schieflage zugunsten der Netzbetreiber und zulasten von Positionen für Netzneutralität.

Eine Aussprache gab es – abgesehen von formellen Verständigungsversuchen via Chat – keine. Eine inhaltliche Diskussion wurde nicht geführt.

Damit spannt sich dann der Bogen zu Unternehmen. Der Einsatz von Social Web-Werkzeugen führt bei den Anwendern eben nicht automatisch zu einer anderen Form der Zusammenarbeit und des Miteinanders. Umgekehrt entfalten Social Web-Werkzeuge nur dann ihre Wirkung, wenn man die Art des miteinander umgehens und des zusammenarbeitens ändert.

Eine ähnliche Situation hatten wir Ende der 90-er Jahre, als Unternehmen daran gingen, E-Learning einzuführen.

Bildung: Gutscheine statt Geldzahlung?


Seit einiger Zeit schaue ich mir wieder ganz gerne den Presseclub an. Beim letzten Mal ging es einmal mehr um unseren Sozialstaat. Der Staat muss die so genannten Hartz-IV-Sätze neu berechnen, in der dazu geführten öffentlichen Diskussionen werden statt Geldzahlungen auch zum Teil obskure Gutscheinmodelle gefordert.

Ein Blick in die U.S.A zeigt allerdings, dass reine Geldleistungen sehr wohl viel bewirken. Im April hatte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtet, dass die jährliche Zahlung von 4.000 US-Dollar an indianische Eltern eines Reservats die Bildungschancen deren Kinder maßgeblich erhöht hatte (ich hatte es hier schonmal erwähnt):

grob gerechnet, kommen die Forscher zu dem Ergebnis, dass 4000 Dollar zusätzliches Einkommen jährlich für die ärmsten Familien ein zusätzliches Schuljahr für die Kinder bedeuteten. Zudem senken die Transfers die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder mit 16 oder 17 Jahren kleinere Vergehen wie Diebstahl begangen haben, um rund 22 Prozent.

Es ist übrigens mitunter recht erkenntnisreich, wenn (Chef-) Redakteure über »Gürtel enger schnallen«, Lohnabstand und »Arbeit muss sich wieder lohnen« reden. (Chef-) Redakteure mit einem Jahresverdienst von 120.000,– Euro? 150.000,– Euro?

CCC: 11 Thesen zur Netzpolitik


Der Chaos Computer Club hat heute seine Forderungen für ein Lebenswertes Netz veröffentlicht, darunter elf Thesen (mit Begründung) zur Netzpolitik. Die meisten davon könnten auch direkt von E-Learning-Dienstleistern unterschrieben werden: Ohne Netzneutralität hätte man als E-Learning-Anbieter keine großen Chancen mehr, seine Inhalte an den Kunden zu bringen, Softwarepatente, die es in Europa ja eigentlich gar nicht gibt, behindern schon jetzt Entwicklungen nachhaltig, beispielsweise im Video-Bereich, und das Urheberrecht sorgt nachhaltig dafür, dass man E-Learning-Angebote lieber gleich ohne Kommentarfunktion anbietet, um ja nicht keinen Ärger mit vermeintlichen Rechteinhabern zu bekommen.

Die Thesen:

1. Netzzugang ist ein Grundrecht und Bedingung für die Teilnahme am kulturellen und politischen Leben

2. Nutzen des Netzes kann sich nur entfalten, wenn die Netzneutralität garantiert ist

3. IT-Großprojekte der öffentlichen Hand nach sinnvollen Kriterien vergeben

4. Öffentliche Daten transparent handhaben

5. Klare Absage an Softwarepatente

6. Urheberrechtgesetzgebung modernisieren

7. Zugangsprovider haften nicht für die Daten ihrer Kunden

8. Private Daten besser schützen

9. Recht auf Anonymität etablieren

10. Profilbildung über Menschen verhindern

11. Whistleblower-Schutz verbessern

3. Korb Urheberrecht und Leistungschutzrecht — Online-Lernen könnte damit unmöglich gemacht werden


Wie will man ein Online-Lernen-Projekt aufsetzen, wenn selbst Presseüberschriften in Zukunft nicht mehr zitiert werden dürfen, ohne eine Urheberrechtsverletzung zu begehen? So unwahrscheinlich das im ersten Moment erscheint, so erschreckend nah ist ein solches Urheberrecht, das mit dem sogenannten 3. Korb weiter überarbeitet werden soll. netzpolitik.org ist ein angebliches Strategiepapier der Verlagsbranche mit Gruworten von von Christoph Keese (Springer) und Prof. Robert Schweizer (Burda), zugespielt worden. Es ist nicht klar, ob das Dokument authentisch ist, es würde allerdings zu derzeitigen Debatte nach einem Leistungsschutzrecht passen:

Um einen effektiven Rechtsschutz zu gewährleisten, sollten nicht nur Teile des Presseerzeugnisses wie einzelne Beiträge, Vorspänne, Bilder und Grafiken geschützt werden. Schutzwürdig sind beispielsweise auch Überschriften, Sätze, Satzteile etc., soweit sie einer systematischen Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentlichen Wiedergabe in Verbindung mit dem Titel des Presseerzeugnisses dienen.

Weiterlesen bei netzpolitik.org: Verleger: Leistungsschutzrecht soll Sprache monopolisieren.

Stefan Niggemeier zum Leistungsschutzrecht für Verlage


Man kann es nicht oft genug sagen: Die Probleme, unter denen Zeitungen und Zeitschriften gerade leiden, haben nichts mit dem Fehlen eines Leistungsschutzrechtes der Verlage zu tun. Auch Google ist nicht Schuld daran. Die Verlage leiden im Print unter rückläufigen Leserzahlen und vor allem einbrechenden Werbeeinnahmen. Und sie leiden online darunter, dass die Werbeerlöse so viel niedriger sind.

Stefan Niggemeier nimmt seine Teilnahme an einem Symposium zum Thema Leistungsschutzrecht, an dem er unter anderem mit dem Springer-Lobbyisten Christoph Keese diskutiert hatte, als Anlass für eine Abrechung mit den demokratietragenden und gerne Journalisten ausbeutenden Verlagen, die ein neues Leistungsschutzrecht durchdrücken wollen:

Die Forderung nach einem Leistungsschutzrecht ist nur der leicht durchschaubare Versuch, sich subventionieren zu lassen. Deshalb tun sich Leute wie Keese auch so schwer, die juristischen Details und Notwendigkeiten eines solchen Gesetzes zu erörtern. Ihnen ist völlig egal, was in diesem Gesetz steht, solange es nur sein Ziel erreicht: Das Überleben der Verlage zu sichern. Denn die Verlage sind — nach Ansicht der Verlage — die einzigen Garanten dafür, dass die Bevölkerung gut informiert wird. So lange es ihnen gut geht (wohlgemerkt: den Verlagen; das Wohlergehen der Journalisten ist optional), ist das Funktionieren der Demokratie gesichert.

Weiterlesen bei Stefan Niggemeier: Verlegerkampf für eine PC-Presse-Gebühr.

Censilia und die FAZ


Hier in Deutschland befinden wir uns gerade in der merwürdigen Situation, das ein Zugangserschwerungsgesetz von der Bundesregierung zwar verabschiedet worden ist, nun aber nicht angewendet werden soll. In der Wikipedia steht dazu:

Wolfgang Schäuble räumte im Oktober 2009 handwerkliche Fehler beim Zugangserschwerungsgesetz ein und erklärte, das Gesetz sei im Endspurt des Wahlkampfes auch deshalb entstanden, um die CDU gegenüber anderen Parteien abzusetzen. Im Rahmen der Koalitionsverhandlungen 2009 beschlossen Union und FDP die Internetsperren zunächst aussetzen und stattdessen eine Löschung von Kinderpornos anzustreben.

Die Diskussion um Netzsperren und Netzzensur wird derzeit auf europäischer Ebene wiederholt. Zwar gibt es keine neuen Erkenntnisse, aber irgend jemand hat in der EU-Bürokratie einen Stein ins Rollen gebracht, der in einer neuen EU-Richtlinie mündet, die von Cesilia Malström, EU-Kommisarin für innere Angelegenheiten, eingebracht worden ist.

Ungeachtet der bei uns gelaufenen Diskussion mit der staatsrechlich fragwürdigen Situation, dass ein gültiges Gesetz per Erlass vorläufig nicht angwendet wird, hat die FAZ einen Gastbeitrag von Malmström veröffentlicht. Auf netzpolitik.org analysiert Jörg-Olaf Schäfers das Verhalten der Tageszeitung:

Vor gut zwei Wochen durfte EU-Kommissarin Cecilia Malmström ihre Richtlinie zur Etablierung von Internetsperren in Europa exklusiv in der FAZ vorstellen. Ihr damaliger Gastbeitrag, so scheint es Sitte, blieb dabei von kritischen Fragen oder einer redaktionellen Einordnung unbehelligt. Einen Tag später bestätigte FAZ.net Politik-Redakteur Stefan Tomik die Notwendigkeit von Internetsperren in einem allenfalls oberflächlich kritisch angehauchten Artikel: “Schneller als die Strafverfolger”

Als weitgehend unkritisch muss man auch das im folgenden betrachtete Interview bezeichnen, das Tomik für die heutige FAZ mit Cecilia Malmström führte. Die Art und Weise, wie Tomik seiner Gesprächspartnerin eine Plattform bereitet – und gleichzeitig wesentliche Punkte der Debatte aussen vor lässt – erinnert im Ergebnis eher an ein Advertorial als ein journalistisch kritisches Interview.

Neue OECD-Studie: »Ungebildetes Deutschland«


Die neue OECD-Studie Bildung auf einen Blick 2009: OECD-Indikatoren ist erschienen, allerdings findet man im Internet nur eine Zusammenfassung auf acht Seiten. In den Medien werden die Ergebnisse für Deutschland als nicht mehr als arlamierend sondern nur noch erschrecktend dargestellt. Naja, immerhin haben wir jetzt superdupa Exzellenzcluster, das hört sich schonmal gut an.

In der taz:

Gerade bei den Studienanfängern sind die Zahlen alarmierend: Zum dritten Mal in Folge ist im Jahr 2007 die Quote gesunken - 34 Prozent eines Jahrgangs gehen noch an eine Universität. Nur die Türkei, Belgien und Mexiko schneiden unter den OECD-Ländern noch schlechter ab, der Durchschnitt liegt bei 56 Prozent. Kaum tröstlich, dass im Jahr 2008 die Zahlen wieder leicht angestiegen sind.

Die Süddeusche:

Zwar beteuern die Spitzenpolitiker im Wahlkampf in jedem zweiten Satz, sie wollten mehr für die Bildung tun. Doch dann belassen sie es im Ungefähren.
Frankfurter Rundschau:
Acht Jahre nach dem ersten großen Pisa-Schock gilt weiter: Deutschland geizt bei den Bildungsausgaben, produziert zu wenige Akademiker und bleibt im internationalen Vergleich immer weiter zurück.

Bei FAZ und Spiegel klingt es interessanter Weise wesentlich entspannter.

Michael Kerres macht übrigens noch darauf aufmerksam, dass diese Studie ausschließlich als Buch für 69,- € zu erhalten ist. Online ist dagegen nur die Kurzzusammenfassung erhältlich, auf deren Basis sich keine echte Diskussion führen lässt.

Nachtrag: Die komplette Studie ist doch als PDF-Datei zum Download erhältlich, allerdings nur in englischer Sprache.

»Jura ist nicht dazu da, antiquierte Geschäftsmodelle zu schützen«


»Jura ist nicht dazu da, antiquierte Geschäftsmodelle zu schützen.« Ein griffiges und häufig wiedergegebenes Zitat des Rechtswissenschaftlers Thomas Hoeren. Er lässt in dem Interview mit der Zeit auch seine Meinung über die (Medien-) Richter in Hamburg und Berlin durchblicken schließt mit einem Statement zur Reformwilligkeit der Akteure im Urheberrechtsbereich:

Zurzeit läuft nichts. Börsenverein und Musikindustrie schalten nach außen hin auf stur und wollen keinen echten Dialog. Freund ist Freund, Feind ist Feind. Es wird schwarzweiß gemalt und nur sortiert, wer zu welchem Lager gehört. Da die Brücken zu einem offenen wissenschaftlichen Diskurs abgebrochen wurden, reagiert die Politik symbolisch: mit leeren Gesten, wie etwa dem unsäglichen, technisch und juristisch unsinnigen Sperrungsgerede.

Mit dieser Einschätzung dürfte er wohl leider weiterhin recht behalten.

[via netzpolitik.org]

12. September: Freiheit statt Angst


Es wird Zeit, auf die Demo für (digitale) Bürgerrechte am kommenden Samstag in Berlin hinzuweisen: Freiheit statt Angst.

[via netzpolitik.org]

Wir brauche 2.000 zusätzliche »Cybercops«?


Anwalt Udo Vetter hat sich seine eigenen Gedanken gemacht. Sehr lesenswert auch der Schluss:

Was ist außerdem mit den anderen Tatorten, denen außerhalb des Internets? Bei Gelegenheit erzähle ich mal die Geschichte des Mandanten, der vorletzte Woche vor seiner Haustür zusammengeschlagen worden ist. Nach vier Minuten war der Rettungswagen da. Die Polizei brauchte 27 Minuten. Als vor einiger Zeit bei einem Mandanten eingebrochen wurde, wartete er nach eigenen Angaben sechs Stunden auf die Spurensicherung.

Aus anderen Städten weiß ich, dass die Bewohner schon seit Monaten, wenn nicht seit Jahren keinen Streifenwagen mehr zu Gesicht bekommen haben – und sie leben nicht in einem Villenviertel. Von einem Bezirksbeamten, der zu Fuß geht und einfach mal präsent ist, wollen diese Leute gar nicht träumen.

Aber wir brauchen 2.000 Internetpolizisten. Wie gesagt, Ostberlin, Teheran und Peking lassen grüßen.

Letztens habe ich mich beim Grillen mit einem Lübecker Polizisten unterhalten. Das war so einer, wie man sich einen Polizisten wünscht: er möchte gutes tun, willl für die Menschen da sein, nicht gängeln. Von Schäubles Terrorpanik hatte er nicht viel gehalten. Er meinte aber, er ist gerne Polizist. Es sei nur sehr frustierend zu sehen, wie man beispielsweise allein in seiner Dienststelle das Personal in den letzten Jahren um mehr als 30% reduziert hat. Bei eher mehr Aufgaben als vorher.

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